Master-Plan für Schwarzes Gold

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Master-Plan für schwarzes Gold

 Von ANDREA STÄRITZ

Auf dem Weg nach Ghana: das Bohrschiff Eirik Raude.  Foto: Ocean Rig As

Ghanas Regierung erklärt den gesamten Ölsektor zur Chefsache / Bevölkerung fürchtet nigerianische Verhältnisse

Cape Three Points ist der südlichste Punkt Ghanas. Eine einzigartige Küstenregenwald-Region, die seit 1949 unter Naturschutz steht. Unter dem Regenwald sollen riesige Goldvorkommen liegen. Und 65 Kilometer vor der Küste hat man nun Öl gefunden. “Öl von Weltklasse”, unterstreicht Moses Essen von Tullow Oil Ghana, das erst mit “Technologie der Weltklasse” exploriert werden konnte, da es sich Off-Shore in der Tiefsee befindet. Bis zum Jahr 2010 soll die Ölförderung angelaufen sein, ein ambitioniertes Projekt in einer Region, die bisher über keinerlei Infrastruktur für die Öl-Industrie verfügt. Dieses bisher größte Vorkommen vor der Küste Westafrikas soll bis zu 1,3 Milliarden Barrel (je 159 Liter) umfassen, in den nächsten 30 Jahren sollen sie gefördert werden.

Kinder spielen Helikopter 

Noch leben die Bewohner der Region im Einklang mit dem Regenwald. Kautschuk und Kakao für den Export, Kassava und Fisch für den einheimischen Markt. Vom Ölboom zeugen lediglich die Hubschrauber, die dreimal täglich im Tiefflug vom Hafen Takoradi zur Ölplattform unterwegs sind. Doch die Jüngsten im Fischerort Aketekye haben bereits verstanden, dass eine neue Ära angebrochen ist. “Die Kinder spielen jetzt Helikopter, wollen Pilot werden oder Ingenieur”, erzählt Gifty Kunzin, Lehrerin in der Secondary School.

Im Nachbarort Princess Town geben sich Investoren bei Kwesi Biney, dem District Chief Executive von Ahanta-West, die Klinke in die Hand – und sind so schnell verschwunden, wie sie gekommen sind. Es fehlt an Wasser, Strom und Straßen. Biney, als oberste politische Instanz im Distrikt, hat einen Entwicklungsplan für Infrastruktur und Bildung erarbeitet, der in einen Master-Plan, den die Regierung entwickelt, einfließen soll. “Die Western-Region ist mit Gold, Bauxit, Timber und Kautschuk die reichste Region von Ghana, dennoch eine der ärmsten und unterentwickelsten. Dieses Mal wollen wir von den Einnahmen profitieren”, sagt Biney.

Staatspräsident Kufuor hat die Entwicklung des Ölsektors zur Chefsache des “Castle”, dem Regierungssitz im ehemaligen Sklavenfort Christiansborg in Accra, erklärt. Der Master-Plan soll nicht nur die Verwendung der Petro-Dollar, sondern auch die Entwicklungsprioritäten festlegen. Bestätigen sich die Ölförder-Quoten wird Ghana von 2010 an Einnahmen von weit mehr als eine Milliarde Dollar pro Jahr zusätzlich verzeichnen. Das entspricht ungefähr dem Volumen der bisherigen internationalen Wirtschafts- und Entwicklungshilfe. Kufuor setzt auf das “Norway Model”, ähnlich dem norwegischen Petroleum-Fonds. Einnahmen aus dem Ölgeschäft sollen dann nicht ausschließlich in den Haushalt fließen, sondern in Staats- und Wertpapiere verwandelt und auf den internationalen Finanzmärkten angelegt werden. Die daraus resultierenden Einnahmen dienen in Norwegen als Pensionsfonds, Gewinne werden für Soziales und Gesundheit sowie für zinsgünstige Kredite an kleine und mittelständische Unternehmen verwendet.

Transparency Ghana hält wenig von einem Öl-Fonds: Fonds hätten sich in Ghana immer zu Schattenhaushalten entwickelt, die sich der öffentlichen Kontrolle entziehen. Auf dem Korruptionsindex der Organisation von 2007 rangiert Ghana mit Position 69 von 180 im Mittelfeld, vergleichbar mit Indien oder Brasilien.

Abfälle locken Fischschwärme

Entsprechend erregt wird im Radio, in den Zeitungen, in Blogs und Foren, auf den Märkten und in Ghanas Kneipen über die unheilige Allianz von Öl und Korruption diskutiert. Der große Bruder Nigeria steht allen als abschreckendes Bespiel vor Augen. 70 Prozent der 140 Millionen Einwohner dort leben – nach 30 Jahren Ölförderung – unterhalb der Armutsgrenze, 80 Millionen Nigerianer haben nur einen Dollar pro Tag zum leben.

Auch unter den Fischern brodelt es. Die Gewässer vor der afrikanischen Küste sind überfischt. Deshalb fahren die wagemutigen unter ihnen mit ihren Kanus zu den Bohrinseln. Wasser, Licht und die Abfälle locken die Fischschwärme an. Doch seit der ersten erfolgreichen Ölbohrung im Juli 2007 ist es verboten, dort zu fischen. Zu gefährlich, heißt es in der Distriktverwaltung, da auf den Bohrinseln Gas freigesetzt wird und die Fischer nachts mit Petroleumlampen unterwegs sind. Deswegen kontrollieren Marine und Wasserpolizei vor Ort und liefern sich auf hoher See ein Katz und Maus Spiel mit kleinen Kanu-Verbänden.

Mittlerweile ist klar, dass das Ölfeld sich über zwei verschiedene Konzessionsgebiete und mehrere Bohrstellen hinweg erstreckt. Die Ölindustrie wittert weitere Fördermöglichkeiten im Tano-Becken und an Cape Three Points. Seit der ersten Erfolgsmeldung im Juli 2007 haben weitere 41 Firmen bei der ghanaischen Regierung Förderlizenzen beantragt, die nun langsam und sehr gründlich geprüft werden sollen.

Andrea Stäritz, Frankfurter Rundschau, Juli 2008

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