In Nigeria nehmen Landkonflikte zwischen Bauern und Hirten zu

copyright Andrea Stäritz
Joghurt Verkauf in Ladugga

Von Andrea Stäritz (epd)
Die Wüste rückt im Norden Nigerias vor, und der Terror der Islamisten vertreibt die Bewohner ganzer Dörfer. Wo Land knapp wird, nimmt die Gewalt zu. Doch Viehhirten versuchen, Inseln des Friedens zu schaffen: Joghurt ist ihr neuestes Erfolgsprojekt.

Der Klimawandel und Überfälle krimineller Banden verschärfen in Nigeria die Landkonflikte zwischen Ackerbauern und Viehhirten. Allein 2016 wurden nach Schätzungen 2.500 Menschen bei blutigen Fehden getötet. Zur Linderung der Spannungen könnte die rechtliche Absicherung von Weideflächen beitragen. In Nigeria gibt es 415 Reservate mit knapp 30 Millionen Hektar Land, die bereits in den 70er Jahren für Nomadenfamilien ausgewiesen wurden.

copyright Andrea Stäritz
Siedlung kurz vor Ladugga, Zentralnigeria

In Kachia, im Norden Nigerias, verläuft eine unsichtbare, aber gefährliche Grenze, die Ackerflächen von Weideland für Nomaden trennt. Die Strecke ist nur tagsüber passierbar: Checkpoints verschiedener Sonderkommandos sollen für Sicherheit in dem Gebiet sorgen, in dem tödliche Konflikte zwischen Fulani -Viehhirten und Zugewanderten ebenso an der Tagesordnung sind wie Überfälle von schwer bewaffneten Banditen und Viehschmuggler-Kartellen.

Die Checkpoints sind gefürchtet, weil die Polizisten in der Nacht ihre Uniformen ablegen und dann oft Schutz- und Wegegeld erpressen. Die Sandpiste im Reservat, unterbrochen nur durch Schlammpfützen, führt entlang an idyllisch anmutenden Rundhäusern, grünen Weiden mit grasenden Kühen und kleinen Pflanzungen. Fußgänger und Motorradfahrer streben zum Markt in Ladduga.

Ladduga ist das zentrale Städtchen in dem fast 100.000 Hektar großen Weidereservat Kachia, in dem 30.000 Menschen und 50.000 Kühe leben. Am Markttag werden die Erzeugnisse der Woche – Joghurt, Milch, Kassava und Bohnen gegen Tiermedizin, Plastikgeschirr und elektronische Geräte eingetauscht. Ladduga wurde in den 80er Jahren gegründet, erzählt der lokale Chef, Husseini Suleiman: „Wir sind aus sechs verschiedenen Bundesstaaten gekommen, als die Konflikte begannen. Man hat uns Sicherheit versprochen, wir leben in Frieden hier und sind sesshaft geworden.“ Nur noch Besitzer großer Herden mit über 1.000 Rindern seien gezwungen, in der Trockenzeit in den Süden zu wandern.

copyright Andrea Stäritz
Dorfvorsteher Husseini Suleiman

Die Fulani, traditionell Meister der Handwerkskunst, haben im Reservat Tischlereien gegründet, Schneidereien und Metallwerkstätten. Die Viehhirten haben auch den Ackerbau für sich entdeckt. Schulen, Kliniken und ein Ausbildungszentrum wurden in dem Reservat errichtet und Brunnen gebaut. Doch das Reservat stößt an seine Grenzen. Es ist zur Zufluchtsstätte für Fulani-Hirten aus dem ganzen Norden geworden, die keine Weidegründe mehr finden.

Die Wüste rückt im Norden vor, und die Menschen fliehen aus der Kriegszone im Nordosten, wo die Terrormiliz Boko Haram operiert, und weiter südlich siedeln sich immer mehr Bauern an. Nigerias Bevölkerung hat sich in den letzten drei Jahrzehnten von 100 auf 190 Millionen Menschen fast verdoppelt.

Nigeria hat 415 ausgewiesene Weide-Reservate, aber nur 24 wurden von der Regierung mit Landrechten für Kooperativen oder Gemeinden ausgestattet. 1992 wurden 28 Millionen Hektar für die Rinderzucht ausgewiesen, aber die Gesetze dafür nie umgesetzt. Auch die letzte Gesetzinitiative von 2016 liegt auf Eis. Alhaji Saliyu Yunusa, Direktor des Ausbildungszentrums in Ladduga, läuft aufgeregt zwischen seinen Kühen umher. Der Joghurt, sein neues Pilotprojekt mit Unterstützung der Afrikanischen Entwicklungsbank, ist auf dem Weg zum Markt. Das Milchprodukt wird dafür versuchsweise sterilisiert, in Plastikflaschen verpackt und etikettiert.

cross breed cow eating grass with chairman2
Alhaji Saliyu Yunusa, Direktor des Ausbildungszentrums in Ladduga

Sein ganzer Stolz ist das neue Napier-Gras (Elefantengras), ein Import aus Kenia. Die Milchproduktion ist damit um das Dreifache gestiegen. Auch für Ortsvorsteher Suleiman kann es nicht genug von dem Gras geben: „Wir haben mehr als 200 Herden, mehr als 50.000 Kühe ständig im Reservat, dazu Hunderttausende Tiere, die außerhalb grasen. Die 60 Hektar, die jetzt angepflanzt wurden, reichen nicht aus. Wir brauchen mehr, so schnell wie möglich.“

copyright Andrea Stäritz
Testfeld mit Napier Gras – die Milchproduktion steigt um das Dreifache

Das Wundergras soll die Fulani-Viehbauern wettbewerbsfähig machen und durch die Herstellung von Joghurt Einkommen für Frauen schaffen. Auch der Gouverneur des Bundesstaats Kaduna, Nasir El-Rufai, hat das friedensstiftende Potenzial erkannt und versprochen, in größere Anpflanzungen für die nächste Trockenzeit zu investieren. „Wenn das alles richtig funktioniert“, sagt Suleiman, „brauchen wir die Herden nicht mehr in den Süden schicken“. Das könnte einige Konflikte vermeiden helfen.

Leave a comment

Blog at WordPress.com.

Up ↑